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An den Bundeskanzler 7. Januar 2005
der Bundesrepublik Deutschland Herrn Gerhard Schröder per Telefax
Offener Brief
Herr Bundeskanzler!
Nach den sozialpolitischen Schweinereien Ihrer Regierung im vergangenen Jahr- ich erinnere hier an die versuchte Streichung der Freifahrten im Personennahverkehr, an die Streichung des Blindengeldes in drei
Bundesländern, die auch Sie zu verantworten haben, weil Sie als Kanzler aller Bürger versagt haben und nicht aufgestanden sind und die Bundesländer ermahnt haben, dass man so mit den Schwächsten der Gesellschaft
nicht umgehen darf - setzten sich die Greueltaten Ihrer Regierung schon zu Beginn dieses Jahres fort. Völlig fassungslos habe ich heute einen Aktenvorgang in die Hände bekommen, aus dem zu ersehen ist, dass
die Freibeträge für den Zuverdienst Behinderter drastisch gekürzt werden. In diesem Fall verdient ein schwerstbehinderter Mann 150 Euro und arbeitet dafür etwa 60 Stunden. Er braucht diese Zeit, weil er mühsam
Finger vor Finger schieben muss, um die Computertastatur zu bedienen. Bisher galt dieser Betrag als geringfügige Beschäftigung und wurde kaum auf seine Grundsicherung angerechnet. Seit dem 1. 1. 2005 darf er nur
noch knapp 40 Euro davon behalten; alles andere wird ihm per Bescheid gestohlen. Er arbeitet also unter quälenden Bedingungen für etwa 70 Cent die Stunde.
Sie können sich vorstellen, dass dieser
Bescheid zu Recht ein Schlag rechts und links in das Gesicht des betroffenen Behinderten bedeutet. Ebenso wird es einigen tausenden anderen Behinderten am heutigen oder in den kommendenTagen ergangen sein oder
noch ergehen. Ich frage mich wirklich , wo beginnt in Ihrem Kabinett die Schamgrenze und wann kommt Ihr Haus endlich dahinter, dass es bei Behinderten seit zwanzig Jahren nichts mehr einzusparen gibt, dass sie schon
20 Jahre unter ihrem Existenzminimum leben.
Die Lebensqualität berufsloser Behinderter im Heim oder in Aussenwohngruppen ist gleich Null. Diese Behinderten haben keinen Cent, um sich auch nur eine kleine Freude zu bereiten, - dieses Geld steht einfach nicht
mehr zur Verfügung. Behinderte tragen wieder Zahnlücken und zerlumpte Kleidung. Sie gehen weniger zum Arzt und kaufen keine zuzahlungspflichtigen Medikamente. Sie leben zwangsweise ungesund! Glauben Sie wirklich, Sie können die Behinderten mit Ihren Streichungen ermutigen, überhaupt noch etwas zu tun? Und glauben Sie - und das ist die viel wichtigere Frage - mit diesen brutalen Zugriffen auf die wenigen zusätzlichen Einkünfte den Behinderten das Gefühl zu vermitteln, vollwertige Glieder der Gesellschaft zu sein?
Ich habe soeben festgestellt, dass klammheimlich sogar der Mehrbedarf für Behinderte, der bisher 20 % betrug auf 17 % gekürzt wurde. Widerlich!
Ich sage es Ihnen ganz klar Herr Bundeskanzler: Das ist Euthanasie durch die Hintertür! Nein nein, man spritzt sie nicht direkt ins Jenseits, man entzieht ihnen einfach die Lebensgrundlage. Indem man den Behinderten
die Gelder wegnimmt, die sie brauchen, um ein spärlich menschenwürdiges Leben zu führen, vernichtet man sie psychisch und physisch. Ihnen bleibt nur noch, die vier Wände anzustarren. Sie verzweifeln, vereinsamen
und verblöden, weil Freundeskreis und Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft ausgeschlossen sind. Wer befreundet sich schon mit einem Menschen, der ihm nicht mal eine Tasse Tee anbieten kann?
Aus diesem Bescheid geht hervor, dass der Behinderte 60 Euro weniger hat, als im Dezemder 2004. Dies entspricht etwa 10 Tage Nahrungsmittel. Anders ausgedrückt stiehlt Ihre Regierung diesem und anderen Behinderten
10 Tage das Essen. Haben Politiker, die solche Gesetze zusammenschustern, noch ein moralisches Empfinden?
Ich bin wirklich erschrocken, dass sich die Tragödie der Vernichtung Behinderter so schnell – schon 60 Jahre später – versteckt, heimlich und verborgen unter dem Deckmantel, dass alle sparen müssen, wiederholt.
Herr Bundeskanzler, beenden Sie diese sozialpolitische Schweinerei.
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