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Ulrich Bach war nicht nur guter Theologe, Lehrer, Sänger und Schriftsteller, sondern auch scharfer Beobachter und kritischer Mahner.
Wir trauern mit Erika Bach, der Tochter Kornelia, dem Sohn Eberhard und den Enkeln um den Verlust eines Menschen, der Format gezeigt hat.
Für den Chor
Ursula Beyer und Helmut Jacob
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1977, zwei Wochen vor Ostern
Manchmal schrecke ich auf in der Nacht, und ich denke an Station vier.
Dann liege ich in unserem Schlafzimmer. Klar, wo denn sonst? Natürlich gehört zu unserer Wohnung auch eine Küche, ein Wohnzimmer, eine Mansarde für die Gäste. Und die Kinder haben jeder ein Zimmer für
sich. Wir können’s uns leisten; ich verdiene nicht schlecht. Und zu üppig ist das ja auch wieder nicht.
Manchmal schrecke ich auf in der Nacht, und ich denke an Station vier.
Dort leben Frauen, die so schwer behindert sind, daß sie keinen Beruf erlernen konnten. Sie verdienen nichts. Sie kosten einiges. Die öffentliche Hand zahlt, damit sie nicht umkommen. Sie wohnen zu dritt
auf einem Zimmer oder zu fünft. Ein Zimmer für fünf, und das seit zwanzig Jahren oder auch seit achtunddreiÂßig. Und dieses Zimmer ist zugleich Schlafzimmer und Wohnraum, Eßzimmer und Besuchsraum, für manche
auch Klo. Die Würde des Menschen ist unanÂtastbar. Dort ist noch niemand erfroren, noch nieÂmand verhungert. Ein Hoch auf den Sozialstaat!
Manchmal schrecke ich auf in der Nacht, und ich denke an Station vier.
Die Frage ist doch: Muß das so sein? Mit welchem Recht rechnen wir so: Einer verdient und kann es sich leisten: fünf Zimmer für vier. Ein anderer verdient nichts und verdient damit das: ein Zimmer für
fünf, zwei Schränke für drei? - „Eine Enteignung ist nur zum Wohle der Allgemeinheit zulässig“, sagt unser Grundgesetz. Allenfalls zulässig, verstehen Sie, also nicht unbedingt nötig; nicht einmal dann,
wenn das Wohl der Allgemeinheit es erforderte. Nur ruhig denn: Es wird dabei bleiben: wir behalten unsere WohnunÂgen, Sie und ich; und die Damen auf Station vier wolÂlen uns - bitte schön - nicht böse sein, nein.
Manchmal schrecke ich auf in der Nacht, und ich denke an Station vier.
Ich frage dann weiter: Müßten die Kirchen nicht laut protestieren? Sie halten doch einiges von dem, der die Verstoßenen Gottes Kinder nannte. Ist es nicht an der Zeit, sie wenigstens leben zu lassen, wie
wir unseÂre eigenen Kinder leben ließen? Wo bleibt da die KirÂche? Wo bleibt ihr Protest? - Und dann fällt es mir ein: Sie hat ja protestiert. Es stand in der Zeitung, zwei Wochen vor Ostern: In Bonn kam man
zusamÂmen zu einer Protestkundgebung. Angesichts neuer Gesetzesentwürfe fürchtete man um den Bestand der kirchlichen Einrichtungen. Wer könnte da schweigen! Der Staat muß dafür sorgen, daß auch in Zukunft die
Kirche Einfluß behält im Bereich der KrankenversorÂgung. So sagte der Bischof. Und er fügte hinzu: Die Kirchen stehen zum Kampfe bereit.
Manchmal schrecke ich auf in der Nacht, und ich denke an Station vier.
Ich stelle mir vor: Das Ende der Welt. Unser Heiland kommt wieder und fragt uns, was wir denn getan haÂben für seine Geschwister, und auch, was wir ihnen nicht getan haben. Ich höre uns antworten: Herr,
wir haben dafür gekämpft, daß Station vier in kirchlicher Trägerschaft blieb. Vielleicht wird er dann fragen: BeÂkam also dort jeder ein Zimmer für sich? Und wir könÂnen nur antworten: 0 nein, Herr, das
nicht; aber wir kämpften, und das mit Erfolg, wir kämpften um den kirchlichen Einfluß, das schien uns das Wichtigste. - Was eigentlich werden wir sagen, sollte er fragen: Und meine Schwestern in eurem Hause, war
das auch für sie das Wichtigste?
Manchmal schrecke ich auf in der Nacht, und ich denke an Station vier.
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